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Bilderbegutachtung



Die Neue Pinakothek in Műnchen und das bei ihr angesiedelte Doerner-Institut pflegen einen beliebten Dienst: einmal wöchentlich – ausgenommen zu Ferienzeiten — darf, wer will, sich einstellen und ein Bild kostenlos begutachten lassen.

Diese Bilderbegutachtung, wie sie offiziell heisst, erfolgt natűrlich ohne Gewähr. Dennoch hat das Wort der Kuratoren Gewicht und bringt eine erhebliche Verantwortung mit sich.

Man geht wohl nicht fehl, anzunehmen, dass sich die vielbeschäftigten Kuratoren der Pinakotheken nicht gerade um die Pflicht reissen, turnusmässig Kunstwerke zu begutachten, die Krethi, Plethi und die Händler am Dienstagmorgen anschleppen.

Es ist sicherlich kein Vergnűgen, den Canaletto als űbermalten Kunstdruck entlarven zu műssen oder festzustellen, dass an der Dali-Grafik nur die Signatur vom Meister stammt.

An diesem Dienstag jedoch, ging einiges schief. Da brachte eine Dame ein vermeintliches Gemälde des bekannten französischen Impressionisten XYZ. „Das ist nicht von XYZ“, erkannte die Kuratorin, die die Begutachtung leitete, mit schnellem Blick. Dabei war das Anliegen der Besucherin ein ganz anderes: sie wollte vor allem wissen, ob der Malgrund Leinwand, Baumwolle oder Mischgewebe sei, und wie alt wohl das Bild sei.

Dass heutzutage jemand, selbst ein Experte, nicht ohne detaillierte Untersuchung und Recherche beurteilen kann, ob ein Bild von XYZ stammt, versteht sich von selbst. Immerhin hat der Maler in Jahrzehnten des täglichen Schaffens űber 4000 Kunstwerke unterschiedlicher Stilrichtungen und Qualität hinterlassen. Allein das Durchblättern seines dreibändigen Oeuvrekatalogs erfordert Stunden. Die Besucherin wusste, dass eine allenfalls viertelstűndige Bildbegutachtung zu keiner sinnvollen Aussage fűhren kann.

Aber sie fűhrte. „Das ist eine Kopie nach XYZ“, lautete forsch das Verdikt. Immerhin, was den Malgrund anlangt, wusste die Kuratorin richtigerweise, dass es sich um Leinen handelt. Fűr die Prűfung des Alters verschwand sie mit dem Bild, um den Restaurator zu befragen, wie sie sagte. Nach zehn Minuten kam sie zurűck und verkűndete: „Zwanzigstes Jahrhundert. Wahrscheinlich dreissiger oder vierziger Jahre“.

Bingo! Jeder, der schon einmal mit alten Ölbildern zu tun hatte, hätte erkannt, dass das Bild älter ist. In der Tat, nur eine Stunde nach der Begutachtung in der Neuen Pinakothek lag das Bild bei einem bekannten Restaurator auf dem Tisch, und er urteilte: „1880 bis Jahrhundertwende“.

Moral? Es schadet dem Ansehen der Pinakotheken und vor allem dem weltbekannten Dörner-Institut der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, wenn bei einer Begutachtung subjektive Meinungen kundgetan werden, denen die wissenschaftliche Grundlage fehlt. Mindestens hätte die Kuratorin darauf hinweisen műssen, dass es moderne Untersuchungstechniken gibt, mit denen das Alter von Gemälden und die „Handschrift“ der Meister besser geprűft werden können.

Fairerweise muss man erwähnen, dass die Kuratorin jenes Tages Expertin fűr Fotografie und Neue Medien, und damit nicht notwendigerweise fűr französischen Impressionismus zuständig, ist.

Man möchte den Pinakotheken und Doerner wűnschen, dass sie entweder ihre Kuratoren sorgfältiger auswählen oder die Bilderbegutachtung ganz aufgeben. Solche vorschnellen Beurteilungen können bei fachlich unbewanderten Personen, die die Schwäche des Urteils nicht erkennen und es sich zu Herzen nehmen, erheblichen Schaden anrichten.

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—— Heinrich von Loesch